Bericht der Feuerwehr Arheilgen
Katastrophenschutzübung: Notfallstation in der Sporthalle
Katastrophenschutzübung: Hilfskräfte proben im Bürgerpark Versorgung nach
Störfall im Atomkraftwerk Biblis
Kontrolle: Mit Messgeräten wurde der Grad der Belastung mit nuklearer
Strahlung in der Notfallstation ermittelt.Foto: Roman Grösser
DARMSTADT. Der Mann im Overall und mit Mundschutz sieht wegen seiner Vermummung Furcht einflößend aus, ist aber freundlich: "Ich möchte Sie bitten, die Arme auseinander zu machen und die Handflächen zu mir." Die junge Frau tut das, während er ihr mit dem Messgerät am Körper entlangfährt. Das Ergebnis ist unerfreulich: erhöhte Strahlung an beiden Unterarmen, Kopf und Haar. Das heißt, die Frau muss unter die Dusche - zur Dekontamination, zur intensiven Reinigung. Die Szene wirkt realistisch, auch wenn es an diesem Samstag nur eine Katastrophenschutzübung von Feuerwehren und Hilfsorganisationen ist. Das Szenario: ein Störfall im Atomkraftwerk Biblis.
Auch der freundliche Helfer in der Sporthalle des Berufsschulzentrums im Bürgerpark müsste zur Dekontamination, denn an seinem Schutzanzug klafft derweil am Oberschenkel ein langer Riss. "Haste noch'n Anzug, der passt?", ruft ihm Stadtbrandinspektor Michael Horn zu, der das Geschehen von einer erhöhten Position aus beobachtet. "Nee, gibt keine."
Im Ernstfall wäre das ein Problem gewesen. Bei der Übung aber ist das zu verschmerzen. Die mehr als 60 freiwilligen Helfer von Feuerwehren in Arheilgen und Eberstadt, Deutschem Roten Kreuz und Arbeiter Samariter Bund probten Einrichtung und Betrieb einer sogenannten Notfallstation zur Sichtung und medizinischen Erstversorgung von Menschen, die von einem Unfall in einem Kernkraftwerk oder einem chemischen Betrieb direkt betroffen sind. Die Hilfsorganisationen stellen auch die zu untersuchenden Menschen.
Weil es hier um einen Störfall im Atommeiler Biblis geht, ist die Dekontamination, also das Entfernen radioaktiver Verunreinigungen auf der Haut, das alles entscheidende Stichwort. Es ist kein einfaches Unterfangen und beginnt bei der ersten Schleuse, wo kontaminierte Personen aussortiert und zur Reinigung weitergeleitet werden sollen. Dabei gilt: "Verletzung geht vor Dekontamination", erläutert Norbert Schindler vom Katastrophenschutz der Feuerwehr. Der Arzt muss damit rechnen, radioaktiv verunreinigt zu werden, bevor der Patient dekontaminiert werden kann. "Das lässt sich nicht vermeiden", kommentiert Schindler. "Da darf man keine Augenwischerei betreiben."
Im Schutzanzug und mit Mundschutz transportieren Hilfskräfte einen
Verletzten. Mehr als 60 Helfer verschiedener Organisationen waren
bei der Katastrophenschutzübung in der Sporthalle des
Berufsschulzentrums im Bürgerpark im Einsatz. Geprobt wurden
Maßnahmen nach einem Störfall im Atomkraftwerk Biblis.Foto: Roman Grösser
In den Duschen sollen die Betroffenen den strahlenden Schmutz unter fachlicher Anleitung abwaschen - bei höchstens 38 Grad, damit sich die Hautporen nicht öffnen und Substanzen tiefer eindringen können. Und wo fließt das verunreinigte Waschwasser anschließend hin? In die Kanalisation.
"Das wird alles den Rhein erreichen und dann die Nordsee", moniert Siegfried Mäckel vom Kreisverbindungskommando der Bundeswehr, die in solchen Ernstfällen bei Bedarf hinzugezogen wird. "Das heißt, einen Teil des Problems werden Sie irgendwann in der Nahrungskette wiederhaben." Das bestätigt der Leiter der Darmstädter Berufsfeuerwehr, Johann Braxenthaler: "Das ist ein Ausnahmefall." Es gehe darum, Auswirkungen abzumildern und letztlich möglichst wenige Kontaminierte in den Kliniken zu haben. "Es geht um Schadensbegrenzung", ergänzt Kollege Schindler.
Eine andere Frage allerdings ist, inwiefern schädliche Stoffe durch Atmen oder Nahrungsaufnahme in den Körper gelangt sind. Wer deswegen Hilfe braucht, wird in eine Klinik gebracht. Auch das proben die Katastrophenschützer.
Der Blick fällt dabei immer auf die Mess- und Grenzwerte. Denn dekontaminiert heißt nicht unbedingt, dass die Körperoberfläche gänzlich betroffen ist. "Aber was hier auf der Haut liegt, ist so verschwindend klein, dass wir uns um Peanuts Gedanken machen", befindet Günther Willand vom Katastrophenschutz des Regierungspräsidiums. Das sei nicht vergleichbar mit der Situation nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März.
Dennoch schwebt der Gedanke an Fukushima über der Übung. "Da wurde die ganze Kernenergie auf einen neuen Prüfstand gestellt", sagt Willand. Und so wie sich im Zuge des Atomunfalls von Tschernobyl 1986 Richtlinien im Umgang mit Radioaktivität geändert hätten, sei das auch nun der Fall. "Dafür gibt es Arbeitsgruppen, die sich derzeit mit der Aufarbeitung befassen", erklärt Stefan Lugert von der Katastrophenschutzabteilung des hessischen Innenministeriums. "Für Frühjahr sind erste Ergebnisse geplant."
Quelle: Darmstädter Echo,
06.11.2011 - Direktlink zu echo-online.de
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